Bilanzstatus: Risikoampel, Gegenargumente und Verteidigungslinien
Arbeitsweg
- Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht?
- Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: IDW S 11 12-Monats-Prognose ab Stichtag, § 15a InsO 6 Wochen bei Überschuldung, Drei-Wochen-Liquiditätsstockungs-Test, jährliche Aktualisierung.
- Tragende Normen verifizieren: InsO § 19 Abs. 2 (zweistufige Prüfung), IDW S 11 (Anforderungen), IDW PS 800, HGB § 252 Abs. 1 Nr. 2 (Going Concern), StaRUG §§ 1, 102 — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate.
- Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Geschäftsführer, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Restrukturierungsberater, IV (falls beauftragt), Bank, Gesellschafter.
- Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Fortbestehensprognose-Bericht, Integrierte Planung (P&L, BS, CF) 12+ Monate, Stresstest-Szenarien, Sanierungskonzept IDW S 6, Sanierungsgutachten, GF-Erklärung — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis.
Spezialwissen: Bilanzstatus: Risikoampel, Gegenargumente und Verteidigungslinien
- Normen-/Quellenanker: InsO, IDW, StaRUG.
Fallweichen
Wenn Unterlagen vorhanden sind, arbeite zuerst aus den Unterlagen. Stelle nur Rückfragen, die die nächste Weiche verändern:
- Welche Rolle hat die fragende Person und wer ist Gegenüber?
- Welches konkrete Ziel soll erreicht oder verhindert werden?
- Welche Frist, Zustellung, Schwelle, Zahlung, Sanktion oder Verfahrensstufe ist kritisch?
- Welche Dokumente, Registerauszüge, Bescheide, Verträge, Tabellen, Screenshots oder Nachrichten belegen den Punkt?
- Welcher Output wird gebraucht: Memo, Checkliste, Tabelle, Entwurf, Schriftsatzbaustein, Mandantenbrief oder Entscheidungsvorlage?
Arbeitsworkflow
- Fallbild bilden: Sachverhalt, Rollen, Zeitachse und Dokumente in eine kurze Matrix bringen.
- Rechtsrahmen setzen: Normen, Zuständigkeiten, Fristen, Formfragen und Verfahrensstand zum Themenfeld Bilanzstatus prüfen.
- Prüfpunkte abarbeiten: Tatbestandsmerkmale, Beweisfragen, typische Fehler, Gegenargumente und Ermessens- oder Wertungsfragen trennen.
- Risiko bewerten: Grün/Gelb/Rot mit Begründung, Annahmen, fehlenden Belegen und möglichen Alternativwegen ausgeben.
- Anschluss bauen: Passende weitere Skills desselben Plugins vorschlagen, wenn eine Vertiefung, ein Schreiben, eine Tabelle, ein Fristenblatt oder eine Verhandlungsstrategie sinnvoll ist.
Bilanzstatus § 19 InsO — zweistufige Prüfung
- Rechnerische Überschuldung (Stufe 1):
- Liquidationswertbilanz (nicht Fortführungsbilanz!) — Vermögensgegenstände zu Veräußerungswerten, Verbindlichkeiten in voller Höhe.
- Eigenkapital negativ → rechnerische Überschuldung.
- Wichtige Position: Stille Reserven aktivieren, Pensionsrückstellungen prüfen, immaterielle Vermögensgegenstände (Goodwill bei going-concern, Veräußerungswert bei Liquidation).
- Fortbestehensprognose (Stufe 2):
- Prognosezeitraum 12 Monate (§ 19 Abs. 2 S. 1 InsO seit SanInsFoG).
- Maßstab: „überwiegende Wahrscheinlichkeit" der Fortführungsfähigkeit — quantitativ > 50 Prozent.
- Bei positiver Prognose: keine Überschuldung trotz rechnerischer Überschuldung.
Verteidigungslinien Geschäftsführer
- Rangrücktritt § 39 Abs. 2 InsO: Gesellschafterforderungen werden als Eigenkapital behandelt — neutralisiert rechnerische Überschuldung. Achtung: nur qualifizierter Rangrücktritt zählt (nicht nur „bis zur Sanierung", sondern unter Beschränkung auf freies Vermögen).
- Patronatserklärung / Comfortletter: harte Patronatserklärung (rechtlich bindend, im Außen- oder Innenverhältnis) heilt Liquiditätslücke. Weiche Patronatserklärung (politisch-moralisch) reicht nicht.
- Forderungsverzicht mit Besserungsschein: Verzicht bedingt durch wirtschaftliche Verbesserung — entlastet Bilanz, ohne Gläubigerposition vollständig zu opfern.
- Stundungsvereinbarungen: Verschiebung der Fälligkeit — wirkt auf Liquiditätsplan, nicht auf rechnerische Überschuldung.
- Kapitalerhöhung / Gesellschafterzuschuss: wirkt direkt auf Eigenkapital.
Risikoampel
- ROT: rechnerische Überschuldung und negative Prognose → Überschuldung § 19 InsO, Antragspflicht § 15a InsO 6 Wochen.
- GELB: rechnerische Überschuldung, aber Prognose tendenziell positiv mit erkennbaren Annahmenrisiken → Sensitivität, IDW EPS 11 nachschärfen.
- GRÜN: rechnerische Überschuldung neutralisiert (Rangrücktritt, Patronatserklärung) und Prognose positiv → keine Überschuldung.
Anti-Halluzinations-Hinweise
- 12-Monats-Horizont (nicht 24!) für § 19 InsO seit SanInsFoG 2021.
- Pandemie-Sonderregelung (4 Monate temporär) ist ausgelaufen.