Seetransportrecht: Haag-Visby, Hamburg, Rotterdam
Arbeitsweg
- Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht?
- Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: nur die Fristen des konkreten Rechtsgebiets und der Akte verwenden; Widerspruch, Klage, Einspruch, Rechtsmittel, Verjährung, Verwirkung, Rüge-, Anzeige-, Anmelde- und Ausschlussfristen strikt trennen und nie aus einem anderen Fachgebiet übernehmen.
- Tragende Normen verifizieren: HGB §§ 1-7, 17-37 (Firma/Register), 48-58 (Prokura), 84-92c (Handelsvertreter), 343 ff. (Handelsgeschäfte), 373 ff. (Handelskauf); CISG — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate.
- Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail).
- Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis.
Worum es geht
Drei internationale Transportrechtsregime konkurrieren im Seetransport: (1) Haager-Visby-Regeln (HVR, 1968/1979 — Brüsseler Konventionen), dominant in EU und UK; (2) Hamburger Regeln (1978, UN, in Kraft 1992) — mehr Entwicklungsländer, stärkere Absenderhaftung; (3) Rotterdamer Regeln (UNCITRAL 2009) — Modernisierung, multimodal, nicht weit ratifiziert. Deutschland: HVR durch HGB §§ 498 ff.
Kernnormen / Kernquellen
- HVR Art. 3 Abs. 1: Seetüchtigkeit-Pflicht des Reeders (due diligence vor Reise)
- HVR Art. 4 Abs. 2: Katalog nautischer Fehler (Exkulpation Reeder) — 17 Ausnahmen
- HVR Art. 4 Abs. 5: Haftungsgrenze 666,67 SZR/Kollo oder 2 SZR/kg (höherer Wert)
- Hamburger Regeln Art. 5: Verschuldenshaftung Reeder (strengere Haftung ggü. HVR)
- Rotterdamer Regeln Art. 17: Haftungsprinzip; Art. 59 Haftungsgrenze (875 SZR/Kollo)
- HGB §§ 498-530: Deutsches Seetransportrecht (HVR-Umsetzung)
Schlüsselbegriffe
- Konnossement (Bill of Lading): Wertpapier, Traditionspapier, Legitimationsurkunde
- Seefrachtbrief (Sea Waybill): kein Wertpapier — für vertrauensvolle Handelsbeziehungen
- Seetüchtigkeit: technisch (Schiff) und ladungstüchtig (Laderäume, Kältekette)
- Nautischer Fehler: HVR Exkulpation — Fehler bei Navigation und Schiffsführung (nicht Hamburger Regeln)
- Haftungsgrenze: SZR-basiert, kann durch Wertdeklaration erhöht werden
Typische Streitfragen / Anwendungsfälle
- HVR vs. Hamburger Regeln: Gilt nautischer Fehler-Exkulpation auch unter Hamburg Rules?
- Konnossement vs. Sea Waybill: Wann brauche ich Wertpapier (Akkreditivgeschäft, Kreditrisiko)?
- Containergewicht-Angabe (SOLAS VGM): Haftungsfolgen falscher Deklaration?
- Containerfreighter total loss: Haftungslimit HVR Art. 4 Abs. 5 — wie berechnen bei 1000 Containern?
- Rotterdamer Regeln Multimodal: Warum haben sie so wenige Ratifikationen?
Methodik
- Anwendbares Regime nach Vertragsstaatszugehörigkeit und Konnossementsklausel bestimmen
- Haftungslimit-Berechnung: Kollo-Regel (Container = ein Kollo? — str.) vs. kg-Regel
- Konnossement-Klauseln auf Paramountklausel (HVR-Verweis) prüfen
- Rotterdamer Regeln: für zukünftige Vertragsgestaltung im Blick halten